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Stefan Beck: Was heisst Seminar?

Als ich den Begriff "das Seminar" einführte, dachte ich an eine bewußte Gegenkonzeption zur sowohl Kunst-, wie auch Partyszene.

Die Partyszene empfand ich als besonders unintellektuell und einseitig auf nonverbale Kommunikation eingestellt.

Das bedeutet für mich aber nicht eine ausschließliche Negativität; wie Musik machen, hören, tanzen, bestimmte Klamotten tragen, sehr wohl dezidierte Mitteilungen nichtsprachlicher Art sind, sondern bloß einen Mangel an versprachlichtem Austausch.

Mit dem ein wenig akademisch steif anmutenden Titel "das seminar" wollte ich auf die Ergänzungsbedürftigkeit der Szene nach einer sprachlich-theoretisch-diskursiven Ebene hinweisen. Auf der anderen Seite fehlt den wirklichen, akademischen Seminaren eine Ausdrucksform, die sich nur des nachts an obskuren Orten zu kultivieren scheint.

Erkenntnis ohne Spaß, und Spaß ohne Erkenntnis schienen mir in zwei getrennten Sphären festgelegt zu sein, die eine Vermischung nicht zuließen.

Mit "dem Seminar" wollte ich eine Form finden, die es mir ermöglichen sollte an Orten des Nachtlebens auch für mich relevante Themen vorzufinden, die über die Frage nach dem Bierpreis hinausgingen.

Ich hatte die Vorstellung eines Clubs, der nicht nur wegen seiner Musik, seines Publikums, sondern auch wegen der in ihm stattfindenden Diskurse hochkochen könnte.

Folglich habe ich zur ersten Veranstaltung "des seminars" den sehr theoretisch und konzeptionell arbeitenden Künstler Rainer Ganahl aus New York in die damalige "Moderne Bar" von Hans Romanov eingeladen, um dort seine Vorstellung von Spracherwerb als Kunst darzulegen.

Ganahl lernt systematisch ihm fremde Sprachen, um sich von den Zwängen seiner Muttersprache (deutsch) zu befreien.

Ich sah diesen Bildungsprozeß als beispielhaft für die Arbeit "des Seminars" an.

Für die Besucher von Romanovs Bar mußte der Künstler wie ein Außerirdischer erscheinen, und umgekehrt die Vergnügungssüchtigen wie ein fremder Volksstamm für den Vortragenden. Verständigung ist nur möglich, wenn wenigstens einer die Sprache des anderen erlernt. Anders aber als im Falle der Muttersprache gibt es hier keine präexistenten sprachlichen Ausdrücke, die den einen über den anderen erhöben. Künstler und Szene sind durchaus gleichberechtigt.

"das seminar" hat zwar eine Sprache, wie auch die Szene, aber es muß erst lernen sich zu verständigen (wenn ich jetzt im Atelier zuweilen an meinen beiden Turntables mixen übe, so ist das auch eine Art von Spracherwerb).

Wie sich aber herausstellte, war dieser Lernprozeß genauso wenig einfach zu vollziehen, wie jemand nach einer Stunde English kaum am Speakers Corner Reden an die Passanten hält.

Jede Umgebung, jedes System hat durch seine Existenz eine spezifische Art aufgebaut Veränderungen abzuwehren.

Deshalb führte "das seminar" für mich ganz von selbst in die Rückbesinnung eines Kaffehaustisches, nachdem zwar das Wunschbild eines diskursiven Clubs bestehen blieb, seiner Verwirklichung aber noch die nötigen Hilfsmittel fehlten, um in verdünnter Luft existieren zu können.

Was ich hier im Bild darstelle, ist keine andere Erkenntnis, als die, daß ich keinen Diskurs in die Clubs tragen kann, wenn vorher kein solcher vorhanden ist. Die jetzige Form "des seminar" als wöchentliche Rederunde ist die notwendige Formulierung dessen.

Für mich ist "das seminar" Keimzelle jedes möglichen Diskurses.

Das Reden soll offen und unbestimmt bleiben, um nicht entwicklungsfähige Gedanken von vornherein zu zensieren. Wie allerdings der Gärtner neuen Trieben Form und Richtung anlegt, so denke ich, sollten entwickelte Gedanken sich an einen Maßstab anlegen lassen. Diesen Maßstab sehe ich in einer möglichst transparenten Rückbesinnung des in den Raum gestellten Gedankens auf die Person - in sowohl geistiger und körperlicher Hinsicht - des Sprechers.

Wenn also im "Seminar" über die Stadt im allgemeinen, oder Frankfurt im besonderen, oder über Kunst und Musik in Frankfurt, oder Politik in Frankfurt gesprochen wird, dann, weil ich, und hoffentlich die anderen auch, genau damit in diesem Moment auch ein Problem haben.

"das seminar" unterscheidet sich gerade dadurch von solchen an der Uni, daß wir nicht im Hinblick auf einen späteren Abschluß oder im Hinblick auf einen bestimmten, noch nicht erreichten Wissensstand (Hegel z.B.) diskutieren, sondern in einem besonderen Sinne auf unsere Situation im Hier und Jetzt. Ich lese keine Bücher als die, die ich im momentanen Sprechen reproduzieren kann, als eigene Gedanken.

Ich verstehe daher das "Seminar" als "Verfertigung der Gedanken beim Sprechen" (Erdelmeier), es gibt darüber hinaus kein Vor und Zurück.

Es kann dabei aber nicht ausbleiben, daß mit dem Sprechen auch Kritik geübt wird. Das ist der Sinn jeder Freiheit der Rede. Nicht bloß in einem inhaltlichen Sinne frei zu sein, sondern auch auf formaler Ebene.

"Down with the system" (Public Enemy) muß nicht unbedingt besser sein, als das tantrische Mantra: "A Na Ja Taun."

Gerade in der formalen Freiheit der Rede finde ich "das seminar" kritisch.

Die inhaltliche Tragweite der Kritik kann aber nur von Fall zu Fall entschieden werden. Eine allgemeine Regel aufzustellen, fände ich nicht im Sinne meines Seminarbegriffs.

Das "Seminar" (ich benutze immer die Anführungszeichen, weil ich ausdrücken will, daß es sich um einen Namen, nicht um einen technischen Begriff handelt) finde ich durchaus als Schulung, aber weniger als Redeschule, sondern als Schule des Meinens. Erst, wenn ich verstehe, was der oder die andere meint, bin ich ein Stück weiter gekommen. Reden ist dabei ein Hilfsmittel, aber auch nicht mehr.

Mir geht es nicht um Rhetorik, andere an die Wand zu reden (obwohl ich nicht abweisen möchte, daß zur Teilnahme am "Seminar" eine gewisse Redefertigkeit nützlich sein kann), sondern im behutsamen Entbergen des Gedankens in eine intersubjektive, vermittelbare Form.

Zwar sehe ich das Seminar auch als Ort, dessen logos sich am wohlsten in einer phoné (Derrida) fühlt, aber es muß nicht beim Sprechen bleiben (siehe Wandzeitung), besonders, wenn es auch um ein Wie-Sprechen geht.

Mit-Singen und Mit-Summen gehören auch zum Spracherwerb.


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» Seminar Zwei
» Seminar Drei (Underground)

 

Mehr im Kontext des Seminars lesen:

 

© The Thing Frankfurt 1996 | das seminar

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