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Ein Desaster das Deinen Namen trägt | 16.5.1996, Café Karin

kamillentee

Anwesend: Markus Halbe, Stefan Beck

Notizen:

» Seminar 01 - Nichts tun?

» Seminar 02 - Zielgerichtetes Nichts...

» Seminar 03 - Maschinen/Ästhetik?

» Seminar 04 - Kulturinstitutionen

» Seminar 05 - Darmstädter Manifest

» Seminar 06 - Hör zu oder stirb? I

» Seminar 07 - Negativität der Kultur

» Seminar 08 - Ein Desaster, das...

» Seminar 09 - nur bis zur Antike

» Seminar 10 - Zerschlagene Ohren

» Seminar 11 - Homo oeconomicus

» Seminar 12 - Various...

» Seminar 13 - Kapital. Wirklichkeit

» Seminar 14 - Über das Seminar

Ein individuelles Leben ist eine serialisierte, kapitalistische Mini-Krise, ein Desaster, das Deinen Namen trägt.
Brian Massumi, zit. n. A.N.Y.P. No. 7

Stefan: Zeig mal, was hast Du denn da zu lesen mitgebracht?

Markus: Hier, "Datendandy" von Agentur Bilwet und "links", das ist so eine Zeitschrift, die in Offenbach erscheint. Da ist so ein ganz blöder Artikel drin: Stephan Gregory, "Kulte und Subkulte".

Stefan: Ah so, der ist doch auch hier in der A.N.Y.P. drin, aha, das hat der zweimal abgesetzt. Aber ich fand den gar nicht so schlecht, der sagt doch genau wie es ist.

Zitat: "Auf subkulturelle Authentizitätsbeteuerungen können keine Rabattmarken mehr ausgegeben werden. Um nicht immer wieder die Schwäche des subversiven Fleisches und die Tücke des Systems beklagen zu müssen, empfiehlt es sich [...] Subkultur einfach als gewöhnliche Unterabteilung des ideologischen Staatsapparates Kultur zu führen. Daß Subkultur den Stützstrumpf der kulturellen Behaglichkeit bildet und wie jeder andere Industriezweig den Gesetzlichkeiten der kapitalistischen Ökonomie unterliegt, muß nicht immer wieder verblüfft festgestellt werden, sondern bildet den Ausgabgspunkt jeder subversionskundlichen Überlegung." Das ist doch nicht falsch, oder?

Markus: Nein, aber er ist einfach anachronistisch, er bezeichnet Subkultur nur als politische Subkultur und sieht nicht die Situation, daß es eine Subkultur gibt, die sich das Unpolitische auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Stefan: Aber hier schreibt er doch z.B.: "Die Differenzen der Lebensstile nichts anderes als die übliche Sreuung in der Produktpalette spätkapitalistischer Unterwerfungsmodelle. [...] Was unterscheidet den Waver vom Raver, wenn nicht durch eine engstirnige Identitätslogik, von der man froh sein kann, daß sie sich in Worten wie Szene oder Community und nicht in Begriffen der "Nation" ausdrückt?"

Markus: Seh ich anders. Wave, das kommt doch vom Punk her, das ist noch ganz eindeutig politisch gefärbt, während Ravedarauf vollkommen verzichtet. Die wollen doch nur ihren Spaß haben.

Stefan: Aber man kann nicht lauthals unpolitisch sein. Das kannst Du Dir nicht auf die Fahnen schreiben. Sonst wäre es wieder politisch.

Markus: Nee, aber das Problem ist, warum fordern die Raver nichts. Warum gehen die bloß zu ihren Veranstaltungen, ziehen wieder ab und mucken nicht auf?

Stefan: Aber warum verzichten wir dann nicht auf das Phänomen? Warum sagen wir uns nicht, Differenz muß nicht dissident sein. Also haben wir damit nichts zu tun, denn wir wollen ja explizit politisch werden.

Markus: Ja, aber es geht eben gerade um das Erkennen des eigenen politisch-seins. Das möchte ich schon erzeugen. Letztlich gibt es natürlich kein Anders-Sein.

Was Du da von der Katja Diefenbach vorgelesen hast ist schon ganz richtig: "Die Bewegung der Alternativbetriebe hat angenehm zur Steigerung des kapitalistischen Angebots beigetragen. Der Bioladen an der Ecke sorgt für korrekte Ernährung des Citoyens. Die Frauengleich stellungsstelle verwaltet den Feminismus. In den großen Unternehmen arbeiten Ingenieure in Kollektiv und Kleingruppenstrukturen. Überall gibt es gutgelaunte Teams. Die Lohnarbeitenden spielen spielen Sozialpartnerschaft, und die entgarantierten JobberInnen freuen sich über flexible Arbeitszeiten. Die jugendliche Bevölkerung trainiert unter der Anleitung von Trend- und Stadtmagazinen subkulturelle und abweichende Attitüden. Ein individuelles Leben, schreibt Brian Massumi, ist eine serialisierte, kapitalistische Mini-Krise, ein Desaster, das deinen Namen trägt."

Eben, wir können nicht Draußen-sein. Im Prinzip ist Party gleich obiges Ingenieurskollektiv. Party ist auch Arbeit, wobei wir wieder bei Adorno wären.

Stefan: Aber was stellt der sich vor, wie es anders laufen sollte?

Markus: Daß man irgendwie nach der Arbeit noch zum Denken kommen sollte.

Stefan: Wirklich? Wie soll das möglich sein? Arbeit fordert ja heute geradezu allumfassende Bildung. Am Arbeitsplatz gibt es prinzipiell nur drei Themen: Fernsehen, Urlaub und Autos; aber die müssen gründlich behandelt werden. Und wer da nicht mitreden kann, wie ich zum Beispiel, macht sich sofort verdächtig.

Du kannst Dich in der Freizeit nicht mit Heidegger beschäftigen und das dann auch noch in der Mittagspause verkünden. Da werden die Augen dann groß, und wenn Du das ein zweimal machst, bekommst Du schnell keine guten Aufträge mehr.

Der Zwang zum einheitlichen Denken und Fühlen ist so ungeheuer, daß Du da gar nicht ausscheren kannst. Wobei die Arbeit an sich schon anstrengend genug ist.

Mein Vater kommt abends nach Hause und setzt sich dann vor den Fernseher, weil er einfach nicht mehr kann. Selbst wenn er wollte. Und dabei hat er wirklich noch einen Anspruch auf Bildung. Was er liest, das liest er am Wochenende oder im Urlaub. - - -

Kennst Du Harold Brodkey? Nein, das ist ein kürzlich verstorbener amerikanischer Autor, der beinahe jahrzehnte an seinem Hauptwerk zugebracht und sein Erscheinen immer wieder hinausgezögert hat, weil es, wie er sagte, keine echten Leser mehr gäbe. Er ist in den 50ern mit einigen brillanten Kurzgeschichten herausgekommen, hat aber dann nichts mehr veröffentlicht, um an seinem großen Roman zu arbeiten, der schließlich erst ein Jahr vor seinem Tod erschien.

Eigentlich müßte ja auch Adorno gewußt haben, daß Lesen genausoviel Arbeit bedeutet wie das Schreiben. Das merke ich selbst an mir, wie wenig geruhsame Zeit ich mit Lesen verbringe, wirklich lesen, intensiv und konzentriert tue ich nur sehr wenig.

Der Gedanke ist wohl ein wenig utopisch, daß der Arbeiter am Fließband abends seinen Proust liest. Muß nicht der Produktionsprozeß des Werkes sich nicht irgendwo auf den Leser übertragen. Der Proust hat den ganzen Tag im Bett gelegen, das Leben eines Bohemians und Snob geführt - müßte der ideale Leser ihm nicht gleichtun? (Und spiegelt die Techno-Rezeption nicht idealerweise die Techno-Produktion wieder, besinnungslose Führung durch die Beats. Sind nicht Produzent und Kosument gleichermaßen Sklaven der Sequenzer?)

Markus: Aber liegt nicht im ersteren auch die Schizophrenie, die der Diederichsen anspricht: "Um sich selbst zu verwirklichen, muß der Künstler sein kostbar intensiv inneres Leben einer kapitalistischen Wirklichkeit zur Verfügung stellen. Um das Projekt selbst zu bestimmen verzichtet man auf Bequemlichkeiten, Entlohnungen etc. Während der alternative Projektler die Selbstausbeutung als Verzicht auf Selbstverwirklichung zugunsten von Selbstbestimmung erlebt, verzichtet der Künstler auf Selbstbestimmung, um Selbstverwirklichung zu sichern."

Stefan: Klar, man kann heute Techno-Fan und Atomkraftgegner und normaler Arbeiter gleichzeitig sein. Das schließt sich nicht mehr aus.

Markus: Bei den Castor-Transporten nach Gorleben haben sie auch Techno gespielt.

Stefan: Wer, die Atomindustrie?

Markus: Nein, natürlich die Gegner.

Stefan: Ich denke, Technik ist nicht beherrschbar. "Beherrschen" ist ein anthropomorpher Ausdruck. Du kannst Menschen beherrschen, aber wenn Dir der Reaktor durchschmilzt hilft alles Flehen, Bitten und Drohen nicht, das Ding kann gar nicht reagieren, es liegt in der Natur der Sache, in seiner Konstruktion, daß es so funktioniert.

Technik ist mit Hegel gesprochen ein Stück objektiver Geist, sie liegt immer auch außerhalb von uns und unseren Möglichkeiten.

Wenn Du Auto fährst und den Wagen in die Kurve lenkst, dann beherrscht Du nichts, nur was schon in der Konstruktion enthalten ist, eben das Lenken. Wenn der Wagen außer Kontrolle gerät, dann bist Du deshalb hilflos, weil die Konstruktion für diesen Fall nichts parat hat. Unvorhergesehenes ist per se nicht implementierbar.

Markus: Wir könnten von Verfügbarkeit sprechen, Technik ist verfügbar.

Stefan: Das klingt besser als beherrschen. Menschen dagegen kannst Du beherrschen, Du kannst ihnen drohen, schlimmstenfalls mit dem Tod, aber sie sind grundsätzlich Deiner Rede zugänglich.

Selbst bei einem Hitler oder Stalin hätte die Möglichkeit bestanden, daß Du sie von der Frevelhaftigkeit ihres Tuns hättest überzeugen und zur Änderung bewegen können.

Wenn Dir die Freundin "durchbrennt", kannst Du sie vielleicht noch zurückholen, aber beim Reaktor hilft alles Reden der Welt nicht, und nicht bloß weil der zweite Hauptsatz der Thermodynamik den Wärmeverlust als unumkehrbar beschreibt.

Markus: Das ist ja schon eine merkwürdig technoide Formel: "die Freundin brennt durch."

 - - -

Markus: Kürzlich traf ich den Manfred Schneider; der geht tatsächlich noch von der Existenz eines autonomen Kunstwerkes aus, was ich wirklich einen konservativen Ansatz finde. Er sagt in der ganzen Kunst geht es nur um drei Dinge: Sex, Tod und Macht.

Stefan: Oder Geld, Macht und Liebe der Frauen - wie Freud meinte.

Markus: Aber Tod, ich frage mich was das bedeutet. Warum soll der Tod eine Rolle spielen?

Stefan: Hier könnte ich mit Heidegger antworten, daß Leben in Eigentlichkeit Leben auf den eigenen Tod bedeutet. Entschlossenheit ist das verschwiegene, angstbereite sich-entwerfen auf den je eigenen Tod, sagt Heidegger.

Dasein findet sich nicht von Anfang an in Eigentlichkeit sondern verfällt ständig an das Man, an das Gerede, an das Man-sagt-so, eben auch an das Man-stirbt.

Alle sterben um einen herum, nur man-selbst nicht. Erst wenn wir uns unseres eigenen Todes bewußt werden, vom man-stirbt zum ich-sterbe gelangen, können wir zu unserem eigentlichen Sein finden. Vom Ende des Seins gelangt Heidegger zum Sein zum Ende.

Es ist nicht so, daß ich jetzt bin und irgendwann sterbe, sondern ich sterbe in jeder Minute. Mit meinem Dasein beginnt auch mein Sterben; denn, in dem Moment, in dem ich lebe, kann ich auch sterben.

Es gibt kein zu früh für den Tod. Auch der gerade geborene Säugling kann gleich wieder sterben. Deshalb spricht Heidegger auch vom Tod als einer ausgezeichneten Möglichkeit des Daseins. Er faßt es modal auf.

Denn um den Tod real zu fassen, müßte ich ja schon einmal gestorben sein, ich müßte wissen, was es heißt zu sterben und tot gewesen zu sein. Das kann ich aber nicht, weswegen ich den Tod eben nur als eine Möglichkeit begreifen kann, als Modus meiner Existenz.

Derjenige der in der Eigentlichkeit lebt, zeichnet sich eben durch das Sterben-können aus. Er weiß um seine Endlichkeit, die Endlichkeit der Zeit, um die Gewißheit seines Todes, und richtet sich danach. Das ist Entschlossenheit.

Diejenigen, die im Man leben, sterben eigentlich gar nicht, sterben tun nur die anderen.

Der Tod, sagt Heidegger, ist die eigenste, unbezügliche, unüberholbare, sowie gewisse und unbestimmte Möglichkeit meines Daseins. Darauf bezogen heißt sterben Wie-sterben?

Ganz wie das Altertum die Ars Vivendi, Ars Amori und die Ars Moriri kannte, die Kunst des Lebens, Liebens und Sterbens, würde ich Heideggers je-eigenen Tod in diesem Sinn auch auf die Kunst beziehen. Kunst ist auch Kunst des Todes.

 

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